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Publiziert: 03 Sept. 2026
Aktualisiert: 07 Sept. 2026

LEG Erfahrungswerte des ersten Jahres

Die Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) sind in der Schweiz angekommen. Eine aktuelle Erhebung von Swissolar bei den 30 grössten Verteilnetzbetreibern, ergänzt mit Daten des LEGhub, erfasste per Ende Juni 2026 insgesamt 1’323 LEG. Da die untersuchten Netzgebiete rund 71 Prozent der Schweizer Bevölkerung abdecken, ergibt sich daraus hochgerechnet eine Grössenordnung von rund 1’860 LEG in der ganzen Schweiz. Wie viele davon eine funktionierende Messdatenübertragung und Abrechnung wie bei zevvy hinter sich haben, ist nicht erfasst worden. 

Das ist bemerkenswert für ein Modell, das erst seit Anfang 2026 umgesetzt werden kann. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass sich der Markt noch ganz am Anfang befindet. Eine durchschnittliche LEG umfasst gemäss Swissolar rund 7,2 Teilnehmende beziehungsweise Anschlüsse. Je nach Region reicht der Durchschnitt allerdings von lediglich drei bis zu 29 Teilnehmenden. Auch die Rollen sind unterschiedlich verteilt: Rund 78 Prozent beziehen ausschliesslich Strom, während rund 22 Prozent der Teilnehmenden selbst Strom produzieren oder zugleich produzieren und verbrauchen.

Die Statistik zeigt damit vor allem eines: DIE LEG gibt es nicht.

In der praktischen Umsetzung zeichnen sich derzeit insbesondere drei sehr unterschiedliche Segmente ab.



1. Gewerbe-LEG: grosse Solaranlagen, wenige grosse Abnehmer


Ein wirtschaftlich besonders interessantes Segment entsteht im Gewerbe. Hier trifft beispielsweise eine grössere Photovoltaikanlage auf einige wenige Betriebe mit relevantem Stromverbrauch.

Solche LEG können vergleichsweise effizient funktionieren: Wenige Teilnehmende teilen grössere Energiemengen, der administrative Aufwand verteilt sich auf mehr Kilowattstunden und Produzenten erhalten eine zusätzliche Möglichkeit, ihren Solarstrom lokal zu vermarkten.

Auffällig ist allerdings, dass diese LEG in der öffentlichen Wahrnehmung kaum auftauchen. Sie müssen keine Nachbarschaft mobilisieren und keine grosse Zahl neuer Teilnehmer gewinnen. Häufig werden sie zwischen Grundeigentümern, Gewerbebetrieben, Solarproduzenten und Energiedienstleistern direkt organisiert.

Die wirtschaftlich interessantesten LEG könnten deshalb gleichzeitig die unsichtbarsten sein.



2. Gemeinden: die eigenen Gebäude werden zur ersten Gemeinschaft


Ein zweites deutliches Segment sind Städte und Gemeinden.

Hier steht zunächst häufig nicht die grosse öffentliche Bürger-LEG im Vordergrund. Vielmehr prüfen Gemeinden, wie sich die eigenen Gebäude energetisch miteinander verbinden lassen: beispielsweise Schulhäuser, Gemeindeverwaltung, Werkhöfe, Sportanlagen oder weitere kommunale Liegenschaften.
Das ist naheliegend. Die Gemeinde kennt ihre Gebäude, verfügt bereits über bestehende Entscheidungsstrukturen und kann Produktion und Verbrauch innerhalb ihres Portfolios gezielt analysieren.

Die kommunale LEG kann damit zunächst ein Instrument der eigenen Energiestrategie sein. Erst in einem weiteren Schritt stellt sich die Frage, ob zusätzliche Produzenten, Unternehmen oder private Haushalte eingebunden werden.


3. Energiegenossenschaften: besonders partizipativ – aber wirtschaftlich anspruchsvoll


Das dritte Segment entspricht wohl am stärksten der ursprünglichen gesellschaftlichen Vorstellung einer Energiegemeinschaft: Bürgerinnen und Bürger organisieren sich gemeinsam, lokale Produzenten werden eingebunden und Solarstrom wird innerhalb der Gemeinde geteilt.

Energiegenossenschaften bringen dafür ideale Voraussetzungen mit. Sie verfügen häufig bereits über lokale Verankerung, engagierte Mitglieder und Erfahrung mit gemeinschaftlich finanzierten Energieprojekten.
Gerade diese besonders partizipative Form steht jedoch vor einer wirtschaftlichen Herausforderung.
Viele kleine Teilnehmer verursachen vergleichsweise viel Administration: Anmeldung und Mutation von Mitgliedern, Verträge, Messdaten, Tariflogik, Abrechnung, Zahlungsverkehr, Support und Kommunikation. Gleichzeitig ist die Energiemenge pro Teilnehmer häufig gering.

Damit droht ein paradoxes Ergebnis: Die gesellschaftlich attraktivste Form der LEG kann betriebswirtschaftlich die anspruchsvollste sein.

Entscheidend wird deshalb sein, die laufenden Kosten pro Teilnehmer stark zu reduzieren und Prozesse weitgehend zu standardisieren und zu automatisieren. Andernfalls können insbesondere kleine gemeinschaftliche LEG strukturell defizitär werden oder dauerhaft auf ehrenamtliche Arbeit angewiesen bleiben.
 

Ein öffentlicher Blick auf die entstehenden LEG

Neben statistischen Hochrechnungen wird deshalb zunehmend interessant, welche konkreten Gemeinschaften tatsächlich entstehen.

Das öffentlich zugängliche, nicht-behördliche LEG-Register unter "www.leg-register.ch" sammelt LEG-Projekte aus der ganzen Schweiz und unterscheidet unter anderem zwischen Projekten in Abklärung, in Planung und bereits umgesetzten Gemeinschaften. Einträge können kostenlos gemeldet werden; gleichzeitig werden auch Projekte aus externen Quellen aufgeführt.
Das Register ergänzt damit die aggregierten Marktzahlen um eine Sicht auf konkrete Projekte und Initiativen.

Die nächste Phase entscheidet über die Wirtschaftlichkeit
Swissolar spricht trotz des schnellen Starts weiterhin von regulatorischen und praktischen Hürden. Der Verband fordert unter anderem, die gesetzlichen Möglichkeiten beim Netznutzungsrabatt besser auszuschöpfen und unnötige Einführungs- und Mutationsgebühren zu vermeiden.

Diese Fragen sind wichtig. Mindestens ebenso entscheidend dürfte jedoch die operative Seite werden.

Nach den ersten sechs Monaten lautet die zentrale Frage nicht mehr, ob LEG entstehen. Rund 1’800 hochgerechnete Gemeinschaften geben darauf bereits eine deutliche Antwort.

Die spannendere Frage lautet nun: Welche LEG-Modelle lassen sich langfristig wirtschaftlich betreiben?

Die ersten Monate deuten auf drei unterschiedliche Antworten hin: Gewerbliche LEG optimieren grosse Energiemengen mit wenigen Akteuren. Gemeinden beginnen mit ihren eigenen Gebäuden. Energiegenossenschaften versuchen, die Idee des lokalen Strommarkts möglichst breit und partizipativ umzusetzen.

Welche dieser Modelle langfristig den grössten Anteil ausmachen werden, dürfte sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

/CB